Wir sahen seine Herrlichkeit

Nachdem König Salomon den Tempel des HERRN errichtet hatte, zog die Herrlichkeit Gottes in Gestalt einer Wolke darin ein:

Und es geschah, als die Priester aus dem Heiligen hinausgingen, da erfüllte die Wolke das Haus des HERRN; und die Priester konnten wegen der Wolke nicht hinzutreten, um den Dienst zu verrichten; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus des HERRN (1Kön 8, 10f).

Die Herrlichkeit des HERRN blieb dort eine lange Zeit, aber verließ den Tempel, als Hesekiel zum Propheten berufen wurde und Jerusalem kurz vor der Zerstörung stand, weil die Bewohner des Südreiches Juda Gott vergessen hatten und sich auch nicht vom Untergang Israels warnen ließen. Fast 600 Jahre kehrte sie nicht nach Jerusalem zurück. Damals sah Hesekiel die Herrlichkeit des HEERN als glanzvolle und furchterregende Erscheinung. Nach diesen 600 Jahren erschien sie jedoch nicht in der Gestalt einer Wolke, sondern erstaunlicherweise als zwölfjähriger Junge; es war auch nicht der Schein von Feuer, der den Tempel erfüllte, sondern die Worte des Jungen, die alle, die ihn hörten, aus der Fassung brachte "über sein Verständnis und seine Antworten" (Lk 2, 47). Die Herrlichkeit Gottes - nahe genug, um sie zu berühren. Was hatte das zu bedeuten? 

Dieser Junge hieß Jesus, der später 12 Israeliten zu seinen Schülern machte. Vor allem sie, als seine engsten Vertrauten, mussten einen tiefen Eindruck davon gewonnen haben, wer Jesus war; Johannes fasst seine Begegnung mit ihm am Anfang seines Evangeliums zusammen:
Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit (Joh 1,14).

Das entrissene Königreich

Alter Orient ~ 931 v. Chr.



"Und Salomo legte sich zu seinen Vätern und wurde in der Stadt seines Vaters David begraben. Und sein Sohn Rehabeam wurde an seiner Stelle König" (1Kön 11,43).


Nach vierzig Jahren ungebrochener Herrschaft des Königs Salomo besiegelt seine Abwendung vom HERRN zum Götzendienst seiner unzähligen Frauen die Spaltung des Reiches Israel. Nur der Stamm Juda beschließt, unter der Hand Rehabeams zu leben, während sich die Volksmengen um Jerobeam scharen, der schon zur Zeit Salomos zum König bestimmt war: "Da fasste Ahija den neuen Mantel, den er anhatte, und zerriss ihn in zwölf Stücke, und er sagte zu Jerobeam: Nimm dir zehn Stücke! Denn so spricht der HERR, der Gott Israels: Siehe, ich will das Königreich aus der Hand Salomos reißen und will dir die zehn Stämme geben. Aber der eine Stamm soll ihm weiterhin gehören wegen meines Knechtes David und Jerusalems wegen, der Stadt, die ich erwählt habe aus allen Stämmen Israels. Denn sie haben mich verlassen und haben sich niedergeworfen vor Astarte, der Göttin der Sidonier, vor Kemosch, dem Gott der Moabiter, und vor Milkom, dem Gott der Söhne Ammon, und sind nicht auf meinen Wegen gegangen, dass sie getan hätten, was recht ist in meinen Augen. Und meine Ordnungen und meine Rechtsbestimmungen hat er nicht bewahrt wie sein Vater David" (1Kön 11,30-33).

Das Chaos der folgenden 350 Jahre ist nur schwer in ein paar Zeilen zusammenzufassen. Eine Schar von 40 Königen - 20 Könige, die im Laufe der Jahrhunderte das Nordreich Israel regierten und 20, das Südreich Juda. Auf beiden Seiten finden sich Verschwörung, Hinrichtung, Diplomatie statt Gottesfurcht, Erpressung, Menschenopfer und Machtmissbrauch bis zum Krieg gegen die Angehörigen des eigenen Landes; aber hin und wieder geschieht auch Umkehr zum HERRN und Trauer über die begangenen Sünden in einem Land, das immer mehr zerfiel und infolge seiner schwachen Einheit und inneren Zerrüttungen immer mehr zur Zielscheibe der umliegenden Nationen wurde: Kriegszüge, Raub, Tributzahlungen, das Vassallentum eines einstmals blühenden und aufsteigenden Königreiches, bis hin zur Verschleppung der Bevölkerung nach Assur und Babylon. Selbst die Flucht einiger Judäer nach Ägypten scheitert und die Hand des HERRN führt sie in die Gefangenschaft unter der Herrschaft Nebukadnezars. 

Angesichts des Untergangs dieses gespaltenen Landes sticht die Botschaft seiner Geschichte umso deutlicher hervor: Weder Heeresstärke noch Bündnisse mit anderen Völkern oder gar die toten Götzen aus Holz und Stein konnten das geteilte Volk Israel aus ihren Bedrängnissen und selbstverschuldeten Verirrungen retten. Einzig und allein die Nachfolge hinter ihrem Gott her, der doch Seinen Willen, sie zu retten, bereits machtvoll demonstriert hatte, als Er sie aus der ägyptischen Sklaverei freikaufte und sie zu Seinem erwählten Volk machte - einzig und allein die Umkehr zum HERRN konnte wieder zum Frieden führen. Die größte Not dieser Nation waren nicht die Feinde, die sie bedrohten oder die Hungersnöte, die das Land plagten, sondern das mangelnde Vertrauen in ihren Erlöser, den wahren König Israels: "Als ihr aber saht, dass Nahasch, der König der Söhne Ammon, gegen euch zog, sagtet ihr zu mir: Nein, sondern ein König soll über uns herrschen! - obwohl doch der HERR, euer Gott, euer König ist" (1Sam 12,12).

Dennoch hatte sie der HERR nicht verworfen, obwohl sie lieber auf die Regierung eines Menschen setzten als auf die des allmächtigen Gottes, und gab ihnen Seine Zusage, sie nicht zu verlassen, wenn sie und ihr König treu bleiben würden: "Wenn ihr den HERRN fürchtet und ihm dient, auf seine Stimme hört und dem Mund des HERRN nicht widerspenstig seid und wenn ihr und der König, der über euch regiert, dem HERRN, eurem Gott, nachfolgt, so wird der Herr mit euch sein!" (1Sam 12,14). Allerdings würde es schwieriger sein, Gott treu zu bleiben, denn schon zur Zeit der Richter taten die Israeliten, was sie für richtig und gut hielten, ohne der zusätzlichen Verführung eines Königs zum Götzendienst: "In jenen Tagen war kein König in Israel. Jeder tat, was recht war in seinen Augen" (Richter 17,6; 18,1; 19,1; 21,15).

Was hätte sie noch aus der zunehmenden Verstrickung in ihre Sünden und ihrer Selbstzerstörung retten können außer die erneute Zuwendung zu ihrem Gott und die Erneuerung ihres Bundes mit ihm? Und doch war niemand bereit, auf Gottes Warnungen zu hören. Trotzdem hörte der HERR nicht auf, um sie zu werben und zu ihnen durch Seine Propheten zu sprechen. Die Tür zu Ihm stand offen und damit ging auch die Verheißung der Wiederherstellung Seiner Königsherrschaft einher, die Er unter anderem auch durch Amos verkündigte, 20 Jahre vor dem Fall des Nordreiches: "An jenem Tag richte ich die verfallene Hütte Davids auf, ihre Risse vermauere ich, und ihre Trümmer richte ich auf, und ich baue sie wie in den Tagen der Vorzeit" (Amos 9,11). Eine Verheißung, dessen vollständige Erfüllung erst zur Zeit Jesu in greifbare Nähe rücken sollte:

"Nathanael antwortete und sprach: Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König Israels" (Joh 1, 49).


Fortsetzung folgt ...

Gnade versus Menschliche Stärke (5)

Er hat kein Gefallen an der Stärke des Rosses, 
noch Freude an den Schenkeln des Mannes. 
Der HERR hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, 
an denen, die auf seine Gnade harren.
Psalm 147, 10.11


"Als ich drei Jahre alt war, wohnte unsere Familie im alten Haus meiner Großeltern. Die einzige Toilette befand sich im zweiten Stock. An einem Samstagnachmittag beschloss ich, ich sei groß genug, um die Toilette allein zu benutzen. Ich kletterte die Treppe hinauf, verriegelte hinter mir die Tür und kam mir für die nächsten paar Minuten sehr erwachsen vor.
    Dann wollte ich wieder hinaus. Aber ich bekam die Tür nicht auf. Ich versuchte es mit aller Kraft meiner drei Jahre, aber ich schaffte es nicht. Ich geriet in Panik. Meine Eltern - und vermutlich auch die Nachbarn - hörten mein verzweifeltes Geschrei. "Was ist los?", rief meine Mutter. "Ich krieg die Tür nicht auf!", brüllte ich.
    Mein Vater war bereits in die Garage gerannt, riss die Leiter vom Haken und lehnte sie an die Hauswand, genau unter dem Toilettenfenster. Er kletterte in mein Gefängnis, ging an mir vorbei, drehte den Schlüssel und machte die Tür auf.
    "Danke!", sagte ich - und lief davon zum Spielen.
    So ähnlich funktioniert auch das Leben eines Christen, dachte ich lange Zeit. Wenn ich irgendwo feststecke, versuche ich erst einmal, mich selbst zu befreien. Wenn das nicht geht, rufe ich im Gebet um Hilfe. Gott hört dann mein Geschrei: "Hol mich hier raus. Ich will spielen!" Er kommt und öffnet die Tür.
    Manchmal tut er das tatsächlich. Aber jetzt, wo ich nicht mehr drei Jahre alt bin, erkenne ich, dass der Glaube nicht immer so funktioniert. Und ich frage mich: Sind wir zufrieden mit Gott, mögen wir ihn noch, wenn er die Tür nicht aufschließt? Wenn eine Ehe nicht heil wird, wenn die Kinder weiter rebellieren, wenn Freunde uns im Stich lassen, die Gesundheit sich trotz Beten verschlechtert?
    Lieben wir Gott noch, wenn er zwar durch das kleine Fenster klettert, aber dann nicht vorbeigeht, um den Schlüssel zu drehen? Stattdessen hockt er sich auf den Boden und sagt: "Komm, setz dich zu mir!" Offenbar ist er der Meinung, für mich sei es wichtiger, dass er zu mir gekommen ist, als dass er mich zum Spielen raus lässt.
    Es liegt an uns. Wir können Gott entweder weiterhin bitten, uns zu geben, wovon wir uns das Glück erhoffen, oder wir können seine Einladung annehmen und uns zu ihm setzen - im Moment vielleicht noch im Dunkeln - und die Gelegenheit nutzen, ihn besser kennen zu lernen."
Lawrence Crabb in "Christsein ohne Krampf"


Ich habe unbeschreibliche Dinge geschaut. Aber damit ich mir nichts darauf einbilde, hat Gott mir einen »Stachel ins Fleisch« gegeben: Ein Engel des Satans darf mich mit Fäusten schlagen, damit ich nicht überheblich werde. Dreimal habe ich zum Herrn gebetet, dass der Satansengel von mir ablässt. 
Aber der Herr hat zu mir gesagt: »Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Je schwächer du bist, desto stärker erweist sich an dir meine Kraft.« Jetzt trage ich meine Schwäche gern, ja, ich bin stolz darauf, weil dann Christus seine Kraft an mir erweisen kann.
2. Korinther 12, 7-9

Gnade versus Selbstbetrug (4)




Still zu sein ist schwierig.



Nicht unbedingt, weil es langweilig ist, sondern weil es so viel Aufmerksamkeit erfordert; jedenfalls geht es mir immer so. Ich bin nicht mal still, wenn ich nichts tue. Meine Gedanken werden ständig von anderen Dingen fortgezogen. Früher war das noch anders, da war es viel einfacher, nicht ununterbrochen an eine bestimmte Sache zu denken oder einer Phantasie nachzulaufen. Jakobus 1,14 beschreibt diesen unaufhaltsamen Gedankenstrom ziemlich treffend: "Ein jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird." Begierde ist wie ein Fortgezogen-Werden, das einen mitreißt. Spätestens dann, wenn man nicht mehr aufhören kann, an etwas bestimmtes zu denken, stellt man sich diese Frage: "Was will ich?

Ich stelle mir diese Frage in letzter Zeit ziemlich oft. Wenn ich an Gott denke, vergesse ich Ihn nach ein oder zwei Tagen. Und Gestern erneuerte ich wieder einmal den Entschluss, Gott zu suchen. Ich wusste auch, dass Gott in der Stille zu finden ist, aber es war nicht Stille, die ich wollte. Daraus folgerte ich, dass es mir gar nicht um Gott ging. Mir wurde klar, dass ich Gott nur finden wollte, damit er meine Probleme lösen würde, damit ich einen klaren Kopf hätte, um meine Träume ungehindert zu verfolgen. Ich wollte Gott suchen, aber nicht weil es mir um Gott ging, sondern weil ich etwas von ihm wollte, was nichts mit ihm zu tun hat. Das Ganze ist ziemlich verdreht und widersprüchlich. Unter jedem noch so vorbildhaften Vorhaben verbirgt sich ein Teil der Verderbtheit unseres Herzens. Alles was wir für Gott oder andere Menschen tun, tun wir zum Teil auch aufgrund von Selbstsucht. Das sollte uns nicht daran hindern, für Gott und andere Menschen zu leben: Gott verwendet zerbrochene Stäbe, um Seinen Willen zu erfüllen; Er kann auch Menschen mit selbstsüchtigen Absichten verwenden, um Seine guten Absichten ins Werk zu setzen. Eines sollte uns dabei aber klar sein: Es gibt keine absolut selbstlosen Absichten. Überall schleichen sich die eigenen Wünsche ein. Ein Beispiel: Ich schreibe diesen Beitrag, weil ich zum Teil hoffe, dass meine Einsichten bewundert werden, um Anerkennung zu gewinnen. Man kann sich auf so feinsinnige Weise selbst betrügen. Jetzt gerade, um ein weiteres Beispiel zu geben, bin ich von meiner Ehrlichkeit überzeugt. Aber auch in dem Vorhaben, sich selbst nicht zu betrügen, kann man sich selbst betrügen. Auch in der Absicht, vorbehaltlos ehrlich zu sein, liegt ein gewisser Stolz. Es gibt keine Ausnahme. Es gibt grundsätzlich kein Entkommen vor Selbstbetrug durch eigene Bemühungen.


Nach diesen Gedanken wurde es plötzlich still in mir. Und dann dachte ich an Gott und bereute so Einiges.


~


»Sie haben sich hilfesuchend an mich gewandt; ich will Ihnen helfen. Ich bin Arzt. Helfen ist mein Beruf.«
    »Viel zu simpel! Wir wissen beide, dass die Motive der Menschen weit komplexer sind und zugleich weit primitiver. Ich wiederhole meine Frage: Welches sind Ihre Motive?«
    »Die Sache ist so einfach, Professor Nietzsche! Jeder geht seinem Berufe nach: Der Schuster schustert, der Bäcker bäckt, der Doktor doktert. Jeder verdient sich seinen Lebensunterhalt auf seine Weise, übt seinen Beruf aus; meiner besteht darin, zu helfen und Schmerzen zu lindern.«
     Breuer gab sich alle Mühe, überzeugend und überzeugt zu klingen, tatsächlich wurde ihm mulmig. Nietzsches jüngster Schachzug gefiel ihm ganz und gar nicht.
    »Dies sind keine befriedigenden Antworten auf meine Frage, Doktor Breuer. Wenn Sie sagen: ein Doktor doktere, ein Bäcker backe oder ein jeder gehe seiner Arbeit nach, so hat dergleichen nicht das mindeste mit Motiven zu tun; es handelt sich um Gewohnheit. Sie unterschlagen bei Ihrer Antwort: Bewusstheit, Wille, Eigeninteresse. Dann ziehe ich doch die Erklärung vor, man verdiene sich seinen Lebensunterhalt, das wenigstens ist begreiflich. Man muss leben. Und doch verlangen Sie kein Geld von mir.«
    »Ich könnte die Frage ebensogut an Sie zurückgeben, Professor Nietzsche. Sie sagen, Ihre Arbeit bringe nichts ein; warum philosophieren Sie dann?« Breuer hatte Not, nicht in die Defensive zu geraten. Er hatte Schlagkraft eingebüßt, das spürte er.
    »Ah! Aber in einem Behufe unterscheiden wir uns ganz gewaltig. Ich gebe nicht vor, für Sie zu philosophieren, während Sie, verehrter Doktor, als Motiv auf Ihrem Wunsch beharren, mir zu dienen und mein Leid zu lindern. Derlei Behauptungen haben mit menschlichen Beweggründen nichts zu tun, sie gehören der Sklavenmoral an, geschuldet den Verführungskünsten der Priesterkaste! Sezieren Sie Ihre Bewegründe ganz! Sie werden feststellen, dass niemand jemals etwas ausschließlich für andere tut. Alles Tun ist auf das Selbst gerichtet, aller Dienst dient dem Selbst, alle Liebe ist Selbstliebe.«
    Nietzsches Worte sprudelten immer schneller. »Überrascht Sie meine Bemerkung? Vielleicht denken Sie an Ihre Nächsten und Liebsten. Graben Sie tiefer, und Sie werden feststellen, dass es nicht jene sind, die Sie lieben. Was Sie lieben, ist die angenehme Empfindung, die eine solche Liebe in Ihnen selbst weckt! Man liebt zuletzt seine Begierde. Ich frage Sie also erneut: Warum wünschen Sie mir zu dienen? Abermals Doktor Breuer...« - Nietzsches Ton wurde streng - »...welches sind Ihre Motive?«
     Breuer schwindelte. Er bezwang seine ersten Impuls: sich gegen die Hässlichkeit und Krudität der Worte Nietzsches zu verwehren und somit zweifellos dem ganzen ärgerlichen "Kapitel Nietzsche" ein Ende zu setzen. Einen Augenblick lang malte er sich aus, wie der Rücken eines erzürnt aus dem Raum stampfenden Nietzsche seinen Blicken entschwand. Mein Gott, den wäre er los! Wäre die ganze, leidige Sache los! Doch die Vorstellung, Nietzsche nie wieder zu sehen, stimmte ihn traurig. Es zog ihn stark zu diesem Mann hin. Weshalb nur? Ja, welches waren denn seine Motive?
(Irvin D. Yalom, Und Nietzsche weinte, Seite 163-165)


~


Was Irvin Yalom in seinem Roman Nietzsche zu Dr. Breuer sagen lässt (der Roman ist übrigens fiktiv; die beiden sind sich nie begegnet) ist nichts anderes, als eine Wiederholung von Römer 3,10-12:

... wie geschrieben steht: "Da ist kein Gerechter, auch nicht einer; da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der Gott sucht. Alle sind abgewichen, sie sind allesamt untauglich geworden; da ist keiner, der Gutes tut, da ist auch nicht einer."

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre absolut selbstlos. Ich wünschte, ich wäre dieser eine gerechte und verständige Mann, der Gott sucht. Aber ist das nicht ziemlich eingebildet? Warum will ich denn gerecht und verständig sein? Was sind meine Motive? Ich betrüge mich selbst. Gnade kämpft gegen Selbstbetrug mit sehr subtilen Mitteln an. Solange man nicht glaubt, dass man es nötig hat, von Gott beschenkt zu werden, solange wird man Gott nie wirklich schätzen können. Gnade ist immer eine Gabe, die freiwillig geschieht und die man sich nicht verdient hat. Solange man stolz ist und von sich etwas hält, kann man Gnade nicht verstehen, annehmen oder wertschätzen. Man kann sich Liebe nicht erarbeiten, weil geliebt zu sein bedeutet, angenommen zu sein, obwohl man sich nicht liebenswert verhält, obwohl man nicht so lebt, als ob man es wert wäre, geliebt zu sein. Würde man sich Liebe erst verdienen müssen, wäre man gar nicht geliebt, wie man wirklich ist.
    Nicht wir sind es, die selbstlos sind, sondern es ist Christus, der in uns und durch uns wirkt. Wir sind von Ihm abhängig und meistens gefällt mir das nicht wirklich. Es ist mir unangenehm, zuzugeben, dass ich Christus brauche, der mir einen Spiegel vorhält und mir sagt: "Dein Herz ist voll von Selbstsucht. Du kannst ohne mich niemanden lieben". Sein eigenes Herz aus eigener Kraft ändern zu wollen, ist ebenso unmöglich, wie eine Herztransplantation an sich selbst durchzuführen. Menschen lieben zu können, ist ein Geschenk Gottes. Man kann nur weitergeben, was man selbst empfangen hat. 


Und ich werde euch ein neues Herz geben 
und einen neuen Geist in euer Inneres geben; 
und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen 
und euch ein fleischernes Herz geben. 
Hesekiel 36,26




Gnade versus Unzulänglichkeit (3.2)

Preist den HERRN, denn er ist gut. Denn seine Gnade währt ewig! 
Psalm 136,1

"Ich habe wunderschöne, von Menschen angelegte Gärten gesehen, die mich total begeistert haben - ein von Gott geschaffener Garten muss atemberaubend gewesen sein.", schreibt Mike Genung in seinem Buch Mein Weg zur Heilung. "Adam und Eva hatten 'allerlei Bäume ... lieblich anzusehen und gut zu essen'. Da mussten eigenartige Blumen mit üppigem, grünen Blattwerk existieren, majestätische Bäume voll von bunten Vögeln, köstliche, exotische Fruchtbäume und herzhaftes Gemüse. Der Klang des rauschenden Wassers von dem Fluss, der in Eden entsprang, musste im größten Teil des Gartens zu hören gewesen sein, begleitet von den Liedern der Vögel und anderer Tiere. Das muss ein fröhliches Leben gewesen sein, als würde man in Maui oder Tahiti leben - ohne die hohen kosten.
    Adam und Eva konnten dazu den unglaublichen Segen des beständigen Gegenwart Gottes genießen. In 1. Mose 3,8 lesen wir, dass sie 'hörten, wie Gott der Herr in der Abendkühle im Garten wandelte'. (Schade, das war, nachdem sie es vermasselt hatten.) Offenbar unternahmen sie am späten Nachmittag Spaziergänge mit dem Herrn. Er genoss es, Zeit mit Seiner Schöpfung zu verbringen.
    Von Anfang an überschüttete Gott Adam und Eva mit Segnungen. Vor dem Fall gab es keine Krankheit, Sorge, Angst, keinen Schmerz oder Tod. Für alle ihre Bedürfnisse wurde in überfließender Pracht gesorgt. Gottes Handeln offenbarte Sein Verlangen, Seine Schöpfung mit dem Besten zu segnen, das Er zu bieten hatte - das schließt die Freude an Seiner Gegenwart ein.
    Dann sündigten Adam und Eva, indem sie Früchte von dem einen Baum im Garten aßen, vom dem Gott gesagt, hatte, sie sollten nicht davon essen. Nachdem Er sie mit dem Besten überschüttet hatte und sie dann sündigen sah, hätte Gott sagen können: "Also, Adam und Eva, Version 1 hat nicht funktioniert, löschen wir beide und probieren wir es mit Version 2."
    Aber das tat Er nicht. Obwohl Adam und Eva die Konsequenzen ihres Handelns ernteten, fuhr Gott damit fort, ihnen Seine 'göttliche Liebe und Seinen Schutz frei zu gewähren'. Seine erste Handlung bestand darin, sie zu bekleiden, wozu Er ein Tier tötete. Gottes Gnade, Seine 'Gunst, die von einem gewährt wird, der sie nicht geben muss', hörte nicht auf, nachdem sie gesündigt hatten."


~

Vom HERRN her werden eines Mannes Schritte gefestigt, und seinen Weg hat er gern; fällt er, so wird er doch nicht hingestreckt, denn der HERR stützt seine Hand. 
Psalm 37, 23.24


Nachdem Kain seinen Bruder Abel erschlagen hatte, war seine Antwort auf Gottes Frage "Wo ist dein Bruder?" ziemlich barsch: "Ich weiß nicht. Bin ich meines Bruders Hüter?" (1. Mose 4,9). Nicht nur, das er seinen Bruder ermordet hat - scheinbar ist es ihm auch gleichgültig. Ich könnte Gott verstehen, wenn er Kain endgültig zum Teufel jagen würde. Aber das tat er nicht:
Und er sprach: Was hast du getan! Horch! Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden her. Und nun, verflucht seist du von dem Ackerboden hinweg, der seinen Mund aufgerissen hat, das Blut deines Bruders von deiner Hand zu empfangen! Wenn du den Ackerboden bebaust, soll er dir nicht länger seine Kraft geben; unstet und flüchtig sollst du sein auf der Erde! Da sagte Kain zu dem HERRN: Zu groß ist meine Strafe, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du hast mich heute von der Fläche des Ackerbodens vertrieben, und vor deinem Angesicht muss ich mich verbergen und werde unstet und flüchtig sein auf der Erde; und es wird geschehen: Jeder, der mich findet, wird mich erschlagen. Der HERR aber sprach zu ihm: Nicht so, jeder, der Kain erschlägt - siebenfach soll er gerächt werden! Und der HERR machte an Kain ein Zeichen, damit ihn nicht jeder erschlüge, der ihn fände. So ging Kain weg vom Angesicht des HERRN und wohnte im Land Nod, östlich von Eden. Und Kain erkannte seine Frau, und sie wurde schwanger und gebar Henoch. Und er wurde der Erbauer einer Stadt und benannte die Stadt nach dem Namen seines Sohnes Henoch.
1. Mose 4, 10-17

Obwohl die Folgen von Kains Sünde schwerwiegend waren, hörte Gott nicht auf, Kain zu segnen. Er versorgten ihn mit Schutz vor Verfolgern, er schenkte ihm einen Sohn, er wurde der Erbauer einer Stadt. Er hätte den Tod verdient, aber stattdessen erhielt er Schutz und eine gesegnete Zukunft.


~

So sprich zu ihnen: So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe. So kehrt nun um von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr sterben, ihr vom Hause Israel?
Hesekiel 33, 11


Sodom war durchsetzt von Perversion und Bosheit. Über diese Stadt gab es wirklich nichts Gutes zu sagen. Sodom war von Grund auf verdorben und die Stadt zu verschonen, hätte das Risiko bedeutet, dass noch mehr Menschen in ihren Bann gezogen und auf denselben Weg der Zerstörung herabgezogen werden würden. Es gab keine Hoffnung, dass sich ihre Bewohner vom Elend ihrer Sünden abwenden würden. Und nicht einmal hier hörte Gottes Gnade auf:

(1) Er ließ sich von Abraham bitten, die Stadt zu verschonen.
(2) Er war bereit, die Stadt um zehn Personen willen zu verschonen, die nicht so lebten, wie die Bewohner von Sodom.
(3) Er schenkte Lots gesamter Familie Gnade und verschonte sie vor der Zerstörung der Stadt (bis auf Lots Frau, die das Angebot nicht annahm).
(4) Die Zerstörung Sodoms rettete andere davor, verdorben zu werden.
(5) Obwohl Sodom Lots Töchter so weit verdorben hatte, dass sie aus Angst vor fehlenden Nachkommen mit ihrem Vater Kinder zeugten, machte Gott ihrer beider Söhne zu Stammvätern zweier Nationen (Moab und Ammon), obwohl beide später mit Israel verfeindet waren. Ruth, die Moabitern, wurde sogar ein Teil des Stammbaums Jesu.

Obwohl wir darüber nichts in der Schrift lesen, wäre ich nicht überrascht, wenn der Herr bei der Zerstörung Sodoms geweint hätte. - Mike Genung

Dieser Gedanke ist gar nicht so abwegig, wenn wir uns die Reaktion von Jesus ansehen, als er über die bevorstehende Zerstörung Jerusalems weinte:

Und als er sich näherte und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zum Frieden dient! Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen. Denn Tage werden über dich kommen, da werden deine Feinde einen Wall um dich aufschütten und dich umzingeln und dich von allen Seiten einengen; und sie werden dich und deine Kinder in dir zu Boden werfen und werden in dir nicht einen Stein auf dem anderen lassen, dafür, dass du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.
Lukas 19, 41-44

Ich dachte immer, dass Gottes Zorn ganz einfach nur Zorn ist. Aber haben wir uns jemals gefragt, ob Gott nicht jedesmal, wenn er zornig ist, auch furchtbar traurig ist? Lies einmal folgende Stelle ohne einen Funken Mitgefühl:

Und das Schwert wird kreisen in seinen Städten und seinen Schwätzern ein Ende machen, und es wird fressen wegen ihrer Ratschläge. Aber mein Volk bleibt verstrickt in die Abkehr von mir. Und ruft man es nach oben, bringt man es doch insgesamt nicht dazu, sich zu erheben. - Hosea 11, 6.7
Der Vers, der danach kommt, lässt aber einen ganz anderen Gott erkennen:
Wie sollte ich dich preisgeben, Ephraim, wie sollte ich dich ausliefern, Israel? Wie könnte ich dich preisgeben wie Adma, dich Zebojim gleichmachen? Mein Herz kehrt sich in mir um, ganz und gar erregt ist all mein Mitleid. - Hosea 11,8

Gottes Zorn ist niemals kalt und ohne Mitgefühl. Selbst in seinem Zorn, brennt in ihm der sehnliche Wunsch, sein Volk zu segnen und zu heilen, denn seine Gnade währt ewig. Sein Wunsch, seine Schöpfung zu segnen, hört zu keinem Zeitpunkt auf - wie könnte er da anders, als zu weinen, wenn er sein Gericht ankündigen muss?


~

Und was soll ich noch mehr sagen? Die Zeit würde mir zu kurz, wenn ich erzählen sollte von Gideon und Barak und Simson und Jeftah und David und Samuel und den Propheten.
Hebräer 11, 32


Welche Geschichte wir auch betrachten, Gottes Gnade hört niemals auf, und sein Wille, seine Schöpfung zu segnen, hat kein Ende. Theoretisch könnten wir also ohne Ende von Gottes Segnungen erzählen. Von einem Propheten würde ich aber gerne noch erzählen. Es ist ein Ausschnitt der Geschichte Daniels. 

Kurz vor dem Jahr 600 v.Chr. wird Daniel nach Babylonien deportiert. Wie von Jeremia angekündigt, sollte Jerusalem von den Babyloniern zerstört werden und 70 Jahre in Trümmern liegen. Psalm 137 erzählt das Leid der Israeliten in Gefangenschaft:

An den Flüssen von Babylon saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. An die Weiden dort hängten wir unsere Zithern. Die uns gefangen hielten, forderten von uns, eines unserer Lieder zu singen, unsere Peiniger verlangten von uns, fröhlich zu sein: »Singt uns eines eurer Zionslieder!« Doch wie könnten wir ein Lied für den Herrn auf fremdem Boden singen? Jerusalem, wenn ich dich je vergesse, dann soll meine rechte Hand mir ihren Dienst versagen! Meine Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich nicht mehr an dich denke, wenn Jerusalem nicht mehr meine allergrößte Freude ist! - Psalm 137, 1-6

Nach knapp 50 Jahren in babylonischer Gefangenschaft, nach 50 Jahren Funkstille zwischen Gott und seinem Volk, als Drangsal und Gelächter durch die Babylonier schon längst zum Alltag geworden waren, könnte man vermuten, dass die meisten Israeliten die Hoffnung aufgegeben hatten, Jerusalem jemals wiederzusehen. Aber es gab jemanden, der sich mitten in der Hoffnungslosigkeit an Gottes Zusagen erinnerte: 
Im ersten Jahr des Darius, des Sohnes des Ahasveros, vom Geschlecht der Meder, der über das Reich der Chaldäer König geworden war, im ersten Jahr seiner Königsherrschaft achtete ich, Daniel, in den Bücherrollen auf die Zahl der Jahre, über die das Wort des HERRN zum Propheten Jeremia geschehen war, dass nämlich siebzig Jahre über den Trümmern Jerusalems dahingehen sollten. Und ich richtete mein Gesicht zu Gott, dem Herrn, hin, um ihn mit Gebet und Flehen zu suchen, in Fasten und Sack und Asche. - Daniel 9, 1-3

Ich sehe Daniel praktisch vor mir, wie die Sehnsucht nach Jerusalem in diesem Moment in ihm hochgestiegen sein musste und er anfängt, ein gewaltiges Bußgebet zu sprechen, voller Ergriffenheit über seine Schuld und die Schuld des Volkes (Daniel 9, 4-19; es lohnt sich wirklich, dieses Gebet zu lesen). 
Während ich noch redete und betete und meine Sünde und die Sünde meines Volkes Israel bekannte und mein Flehen für den heiligen Berg meines Gottes vor den HERRN, meinen Gott, hinlegte - und während ich noch redete im Gebet, da, zur Zeit des Abendopfers, rührte mich der Mann Gabriel an, den ich am Anfang in der Vision gesehen hatte, als ich ganz ermattet war. Und er wusste Bescheid, redete mit mir und sagte: Daniel, jetzt bin ich ausgegangen, um dich Verständnis zu lehren. Am Anfang deines Flehens ist ein Wort ergangen, und ich bin gekommen, um es dir mitzuteilen. Denn du bist ein Vielgeliebter. - Daniel 4, 20-23a

Daniel stand zu seiner Unzulänglichkeit und dem Versagen seines Volkes. In diesem Moment tiefer Demut und flehendem Verlangen nach Gott, wird er erhört! 

Hier liegt der Schlüssel, wie wir die Angst vor unserem Versagen überwinden können: Indem wir vor Gott zu unserer Schwachheit stehen. Das können wir nur, wenn wir wissen, wie Gott reagieren wird. Und wir dürfen wissen, dass seine Gnade niemals aufhört:

Und er sprach zu mir: Daniel, du vielgeliebter Mann! Achte auf die Worte, die ich zu dir rede, und steh an deinem Platz! Denn ich bin jetzt zu dir gesandt. Und als er dieses Wort mit mir redete, stand ich zitternd auf. Und er sprach zu mir: Fürchte dich nicht, Daniel! Denn vom ersten Tag an, als du dein Herz darauf gerichtet hast, Verständnis zu erlangen und dich vor deinem Gott zu demütigen, sind deine Worte erhört worden. Und um deiner Worte willen bin ich gekommen. - Daniel 10, 11.12

Gnade versus Unzulänglichkeit (3.1)

Und er sprach zu mir: Daniel, du vielgeliebter Mann! Achte auf die Worte, die ich zu dir rede, und steh an deinem Platz! Denn ich bin jetzt zu dir gesandt. Und als er dieses Wort mit mir redete, stand ich zitternd auf. Und er sprach zu mir: Fürchte dich nicht, Daniel! Denn vom ersten Tag an, als du dein Herz darauf gerichtet hast, Verständnis zu erlangen und dich vor deinem Gott zu demütigen, sind deine Worte erhört worden. Und um deiner Worte willen bin ich gekommen.
Daniel 10, 11.12

Letzte Woche hatte ich einen ziemlich interessanten Alptraum:
Während eines Ausfluges mit ein paar mir unbekannten Bekannten (kann schon mal vor kommen in einem Traum) finden wir einen See und gehen schwimmen. Während wir schwimmen, treiben zwei kleine Klumpen im Wasser vorbei, die ich aus dem Wasser fische, um sie genauer anzusehen und halte plötzlich zwei abgetrennte Füße in der Hand, die noch bluten. Erschrocken werfe ich sie weg. Irgendetwas hat vor Kurzem jemandem die Füße abgetrennt, irgendetwas im See. Wir schwimmen zu einer kleinen Insel, ein paar Schritte vom Ufer entfernt. Plötzlich nähert sich ein Mann der Insel, während er ständig diese Frage stellt: "Hat jemand versagt?" Er kommt schnell näher, die Frage gierig wiederholend: "Hat jemand versagt? Hat jemand versagt?" Er ist auf der Jagd nach einem Versager. Ich bekomme Angst, weil ich weiß, dass er es auf mich abgesehen hat. Er wittert meine Angst. Er ist begierig von meiner Versagensangst angezogen und will mich meucheln und mir meine Füße abtrennen. In meiner Panik springe ich ans Ufer. "Hat jemand versagt?" Er steht im Wasser mit einem Messer in der Hand, aber er kommt nicht ans Ufer. Erst jetzt, außerhalb des Wassers, gestehe ich mir ein, versagt zu haben. Dann bin ich unter heftigem Atmen aufgewacht.

Es gibt Dinge, die unschätzbar wichtig sind, aber über die fast nie geredet wird. Vielleicht weil sich nie eine Gelegenheit dazu bietet. Oder weil man nie auf die Idee kommen würde, über solche Dinge zu reden, ohne gefragt zu werden. Oder weil sie so ungewöhnlich oder kompliziert sind, dass sie in einem gewöhnlichen Gespräch nie zum Thema werden würden. Oder weil man sie so tief in sich verschlossen hat, dass man selbst nichts davon weiß - und daran leidet man oft.
    Eines dieser Dinge ist Unzulänglichkeit. Natürlich wäre es furchtbar deprimierend, wenn alle Menschen nur noch darüber reden würden, in welchen Momenten sie versagt haben. Auf der anderen Seite betrifft dieses Thema alle Menschen: Es ist unsere gefallene Natur, die uns unfähig macht, andere Menschen zu lieben. Es ist einer dieser harten Fakten, über die man fast nie redet; vielleicht, weil wir nicht wissen, wie wir mit dieser Unzulänglichkeit umgehen sollen. Das Schweigen macht es oft sehr schwer für Menschen, die von der Angst zu scheitern gelähmt sind, ein offenes Ohr zu finden. 


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Ich verwechsle oft Vorsicht und Besonnenheit mit meiner Angst zu versagen. Ich bin manchmal so übervorsichtig, dass es mich lähmt, und das richtet oft viel mehr Schaden an, den ich anrichten hätte können, wenn ich etwas getan hätte. Ziemlich absurd, nicht? Stell dir vor, was passiert wäre, wenn Adam in dem Moment, als Eva von der Schlange versucht wurde, eingegriffen hätte. Wovor also habe ich eigentlich Angst? Ich habe Angst, dass meine Unzulänglichkeit von allen entdeckt werden könnte. Und was würde dann passieren? Deswegen verberge ich meine Unfähigkeiten mit meinen Fähigkeiten. Nur Einem kann ich damit nichts vormachen. Warum also trete ich nicht vor Gott und stelle mich meinem Versagen als Mensch? Weil ich nicht den Mut habe, vor Ihn zu treten. Warum also habe ich nicht den Mut? Weil ich Gott nicht kenne. Würde ich Ihn kennen und seine Reaktion auf mein Versagen, dann könnte Er mir einen neuen Weg zeigen und ich müsste nicht mehr Angst haben, zu scheitern.

Wir kennen wahrscheinlich alle das Gleichnis vom faulen Knecht, dem ein Talent (ca. 25 kg) Silber bzw. Gold anvertraut wird, und das uns nicht gerade sehr viel Mut macht, wenn wir die letzten Verse lesen:

Dann kam der Diener mit dem einen Beutel Gold und sagte: `Herr, ich weiß, du bist ein strenger Mann, der erntet, was er nicht gepflanzt hat, und sammelt, was er nicht angebaut hat. Ich hatte Angst, dein Geld zu verlieren, also vergrub ich es in der Erde. Hier ist es´ Aber der Herr erwiderte: `Du böser, fauler Diener! Du hältst mich für einen strengen Mann, der erntet, was er nicht gepflanzt hat, und der sammelt, was er nicht angebaut hat? Du hättest wenigstens mein Geld zur Bank bringen können, dann hätte ich immerhin noch Zinsen dafür bekommen. Nehmt diesem Diener das Geld weg und gebt es dem mit den zehn Beuteln Gold. Wer das, was ihm anvertraut ist, gut verwendet, dem wird noch mehr gegeben, und er wird im Überfluss haben. Wer aber untreu ist, dem wird noch das wenige, das er besitzt, genommen. Und nun werft diesen nutzlosen Diener hinaus in die Dunkelheit, wo Weinen und Zähneknirschen herrschen.´
Matthäus 25, 24-30

Warum entmutigt uns dieses Gleichnis? Ich glaube, wir wissen nicht, worum es in diesem Gleichnis geht. Du hältst mich für einen strengen Mann, der erntet, was er nicht gepflanzt hat, und der sammelt, was er nicht angebaut hat? Sein Knecht hatte Angst vor der Reaktion seines Herrn, falls er versagen würde. Deshalb vergrub er alles, was ihm sein Herr anvertraut hatte in mühevoller Arbeit. Obwohl sein Herr ihm seinen Fähigkeiten entsprechend genug anvertraut hatte (Vers 15), vergrub er es. Sein Herr hatte Vertrauen in ihn. Wenn wir denken, dass Jesus ein strenger Mann ist, wird uns die Angst vor seiner Reaktion auf unser Versagen lähmen und wir werden nichts für ihn tun. Ich frage mich, ob der Knecht seinen Herrn überhaupt kannte, oder ob er eine verdrehte Sicht von ihm hatte. Und obwohl der Knecht ihn für streng hielt, trug er das Geld nicht einmal zur Bank. Ich glaube, dass ich diesem Knecht sehr ähnlich bin.

Gnade versus Verlassenheit (2)

Ein Newsweek-Artikel berichtet, dass amerikanische Väter der Mittelklasse durchschnittlich 15-20 Minuten täglich mit ihren Kindern verbringen. In vielen Fällen sind sie beziehungsmäßig abwesend, selbst wenn sie körperlich anwesend sind. Wir brauchen Männer, die in ihrem Leben ihre Familien an erste Stelle ihrer Prioritäten setzen. Männer, die ihren Kindern ebensoviel von sich selbst geben, wie sie es bei ihrer Arbeit tun. (James Harnisch) 
Noch nie wurde so viel geredet und geschrieben über die "Vaterlosigkeit in unserer Gesellschaft" wie heute. Natürlich hat jedes Kind einen biologischen Vater, aber auch wenn dieser im gemeinsamen Haushalt mit seinen Söhnen und Töchtern lebt, bedeutet dies noch lange nicht, dass er tatsächlich für seinen Familie über seine Rolle als Geldgeber hinaus zur Verfügung steht. (Roswitha Wurm, Vaterseelenallein, aus LYDIA 3/2013)

Warum ich das alles schreibe ist ganz einfach: Ich bin kein Einzelfall; meine Geschichte ist klischeeverdächtig. Wenn ich unterwegs bin und meine Straßenbahngefährten beobachte, stelle ich mir manchmal nur eine Frage: Wie ist wohl die Beziehung zu ihren Vätern? Die Antwort ist fast immer die Gleiche. (Obwohl ich zugeben muss, dass ich darüber nur spekulieren kann.)
    Mein Großvater hat seinen Vater nie kennengelernt, der so um anno 1930 nach Argentinien auszog, während er (mein Großvater) bei seinen Tanten aufwuchs. Ein paar Jahrzehnte ist es schon her, als die Mutter meines Großvaters in einem verwahrlosten Zustand an seinem Arbeitsplatz (Steuerprüfung) erschien. Die Ehe dürfte nicht sehr glücklich gewesen sein. Vor ein paar Wochen meinte mein Opa, er hätte gern noch erfahren, was damals schief gelaufen war, dass aber vermutlich niemand mehr am Leben sei, der ihm eine Antwort geben könnte. Als er sagte, dass dies die Geheimnisse des Lebens seien, die man nie erfahren werde, erkannte ich die Menge an unbeantworteten Fragen, die in seinem Innersten wirbelten. Warum hatte ihn sein Vater zurückgelassen? Warum verwahrloste seine Mutter? Warum hatte man ihn verlassen? Mein Großvater hatte keinen Vater. Die Wunde, die dabei entstand, als er verlassen wurde, ist bis heute nicht geheilt.

In gewisser Weise kann ich meine Mutter nicht vergessen. Es ist fast schon ein Verlangen, bei ihr zu sein. Trauer ist viel schwieriger zu ertragen, wenn man sich nicht versöhnt hat. Und wenn der Tod kommt, ist der Konflikt für immer eingefroren. (Irwin D. Yalom)


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Die Ampel wurde grün, der Verkehr kam in die Gänge und wir gingen aneinander vorüber, jeder auf die von ihm aus gegenüberliegenden Straßenseite, ohne uns besondere Beachtung geschenkt zu haben. Aber als ich mich noch einmal umdrehte um den Mann zu beobachten, der meinem Vater so ähnlich sah, wie er alleine am Straßenrand entlang ging und sich immer weiter von mir entfernte, spürte ich ein heftiges Ziehen in seine Richtung. Es gibt ein bedeutendes Verlangen im Herzen jedes Menschen, dass man nur schwer beschreiben kann. Meistens ist es verschüttet worden; aber auf die eine oder andere Weise dringt es immer an die Oberfläche und wird mit Dingen gestillt, die damit scheinbar nichts zu tun haben. Wenn man keine Antwort auf diese Vatersehnsucht hat, kann das im schlimmsten Fall zur Selbstzerstörung führen. Ich kann hier in aller Kürze nur andeuten, wie schmerzhaft es sein kann, keinen Vater zu haben, oder keinen, der für einen da ist und wie tief diese Suche nach einem Vater in jedem Menschen steckt. Die Meisten wissen nicht, wonach sie suchen und ich beobachte, dass es auch die meisten Christen nicht wissen. Sie strecken ihre Hand aus, aber sie wissen nicht wonach. Sie wissen nicht, was sie erhalten werden, wenn sie ihre Hand wieder zurückziehen. Ich habe mich oft gefragt, was uns überhaupt dazu treibt, die Dinge zu tun, die wir tun. Was ist es, was wir wollen? Irgendwo muss dieses Wollen doch herkommen! Was ist es, was wir im Grunde unserer Seele eigentlich wollen? Und warum stellen wir fest, je älter wir werden, dass es nie genug ist?

Mir scheint, die wichtigste Suche im Leben ist die Suche des Menschen nach seinem Vater. Nicht in erster Linie nach dem leiblichen Vater, auch nicht nach dem verlorenen Vater seiner Kindheit. Die Suche des Menschen gilt dem Inbegriff der Stärke und Weisheit, etwas außerhalb seiner selbst und seiner Bedürnisse, etwas weit Überlegenem, mit dem der Glaube und die Kraft des eigenen Lebens sich verbinden können. (Thomas Wolfe, The Story of a Novel)

Thomas Wolfe hat hier vielleicht den Kern unseres ganzes Strebens freigelegt: Etwas weit Überlegenes, mit dem der Glaube und die Kraft des eigenen Lebens sich verbinden können. Ich weiß, dass das ziemlich abstrakt und langweilig klingt, aber ich kann's im Moment nicht besser auf den Punkt bringen. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, wer es ist, der uns geben kann, was wir suchen, ob wir das nun in unseren Herzen wissen oder nicht. Und ich möchte euch herausfordern, eine Antwort auf diese Frage zu suchen: Wer ist GOTT?


Der Inbegriff von Stärke und Weisheit
Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! [...]
In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich gegeben hat in aller Weisheit und Einsicht. Er hat uns ja das Geheimnis seines Willens zu erkennen gegeben nach seinem Wohlgefallen, das er sich vorgenommen hat in ihm für die Verwaltung bei der Erfüllung der Zeiten; alles zusammenzufassen in dem Christus, das, was in den Himmeln, und das, was auf der Erde ist - in ihm. [...]
Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr wisst, was die Hoffnung seiner Berufung, was der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes in den Heiligen und was die überragende Größe seiner Kraft an uns, den Glaubenden, ist, nach der Wirksamkeit der Macht seiner Stärke. Die hat er in Christus wirksam werden lassen, indem er ihn aus den Toten auferweckt und zu seiner Rechten in der Himmelswelt gesetzt hat hoch über jede Gewalt und Macht und Kraft und Herrschaft und jeden Namen, der nicht nur in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen genannt werden wird.
Epheser 1, Vers 3a, Vers 7-10 und 18-21

Wenn es einen Inbegriff von Stärke und Weisheit gibt, dann ist das der dreieinige Gott selbst!

Ich weiß nicht, ob die bunten Farben hilfreich oder irritierend sind, aber allein die Schlagworte, die in Verbindung mit Gottes Wesen und Handeln verwendet werden, verweisen auf seine schreckliche Heiligkeit: Reichtum - Macht - Gnade - Kraft - Berufung - Herrschaft - hoch über jede Gewalt - Hoffnung - Herrlichkeit - überragende Größe - Stärke - Wirksamkeit - Wille - Weisheit und Einsicht - 



Vater.

Gnade versus Pornographie (1)

Vor vielen Jahren kam ich zu der Erkenntnis, dass es zwei Hauptgründe für die meisten Probleme im emotionalen Bereich bei evangelikalen Christen gibt: Einmal das Versagen, Gottes unbedingte Gnade und Vergebung zu verstehen, zu empfangen und auszuleben; und zum zweiten das Versagen, diese bedingungslose Liebe, Vergebung und Gnade auch weiterzugeben. Wir glauben an eine gute Theologie der Gnade. Aber wir leben nicht danach. Die gute Nachricht des Evangeliums der Gnade hat unsere Gefühlsebene nicht erreicht.
(David Seamands, Perfectionism: Fraught with Fruits of Self-Destruction, in Christianity Today vom 10. April 1981)

Dieser kurze Abschnitt, den ich zum ersten Mal in Philip Yanceys Buch Gnade ist nicht nur ein Wort gelesen hatte, ist mir bis heute eine profunde Denksportaufgabe geblieben, die eine Wahrheit beinhaltet, die anziehend und schockierend zugleich ist. Mit Seamands‘ Worten ging es mir wie mit der Vorbereitung auf eine Mathematik-Schularbeit. Du lernst den Stoff und rechnest alle Beispiele mit Bravour und glaubst, alles verstanden zu haben – und selbst bei der Schularbeit hast du das Gefühl, dass alles glatt läuft – und als du den Fetzen zurück bekommst, fragst du dich, wie es möglich war, so falsch zu liegen. Ich dachte, verstanden zu haben, was Seamands meint. Dann kam die Schularbeit (=Schwierigkeiten, Probleme, Anfechtungen, tough life und so, das reale Leben, eine Gruppe Gangster, die dich angehen und solche Sachen, kennt man ja), dann kam die Schularbeit und mit ihr der Fetzen. (Ich hatte nie wirklich einen Fetzen in Mathe, aber es ist ein gutes Beispiel.) Ich gebe euch heute einen kleinen Einblick in mein Abschlusszeugnis – Unterrichtsfach: Angewandte Gnade.


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Meine Mutter hatte in meiner Kindheit eine quälende Art mich zu verletzen, die mir damals (übrigens bewundere ich meine Mutter heute mehr als jemals zuvor!), die mir damals äußerst sadistisch vorkam. Jedes Mal, wenn sie wütend auf mich war, pflegte sie in mein Zimmer zu kommen und ihrem Zorn verbal freien Lauf zu lassen. Nachdem sie das Zimmer verlassen hatte, sammelte sie mehr Wut im Staudamm ihrer Seele, um die Dammmauer in meinem Zimmer erneut aufzubrechen. Das konnte sich bis zu sechs Mal wiederholen, was von Mal zu Mal unerträglicher wurde. Das Schweigen zwischen meiner Mutter und mir wurde in den folgenden Jahren immer wieder nach diesem Schema unterbrochen. Angeblich sollen sich tägliche Kränkungen schlimmer auf uns auswirken, als die Schicksalsschläge des Lebens.

In der Volksschule versprach ich meiner Mutter auf dem Nachhauseweg triumphierend: "Ich werde immer ein Brävelchen sein." Ich schwor mir damals, mit all der Entschlusskraft die eine verbitterte Kinderseele aufbringen kann, ihr nie wieder einen Anlass zu geben, auf mich wütend zu werden. Ich dachte, meine Mutter hätte vollkommen recht, auf mich zornig zu sein. Ich dachte, ich hätte ihre Wut verdient und die darauf folgende Einsamkeit und Isolation. Als Kind kann man noch nicht zwischen dem, was recht ist und was nicht, unterscheiden. Folglich galt es als brav, sich der Einsamkeit auszusetzen und verschlossen den Schmerz zu ertragen. Das gab mir ein Gefühl von Rechtschaffenheit und Stärke. Ich blieb meinem Schwur treu, den ich damals gefasst hatte, ungeachtet der zerreißenden Sehnsucht nach Nähe...

Vielleicht ist diese Frage überspitzt, aber ich frage mich, wie man als Kind so einen abgründigen Zwiespalt mehrere Jahre erleben kann, ohne sich umzubringen. Antwort: Die ständige Suche nach einem Ersatz für fehlende Nähe. 



Wer er ist und was er drauf hat, das lernt der Junge von einem Mann oder in der Gesellschaft von Männern. Er kann es nirgendwo anders lernen. Er kann es nicht von anderen Jungen lernen, und er kann es auch nicht von Frauen lernen. Vom Beginn der Welt an war es so geplant, dass der Vater im Herzen des Sohnes das Fundament legt und ihm alles Wesentliche mitgibt - auch das Selbstvertrauen in die eigene Stärke. Papa sollte der erste Mann in seinem Leben sein, und er würde für immer der wichtigste Mann bleiben. Ihm war auch aufgetragen, die Frage zu beantworten und ihm einen Namen zu geben. Der biblischen Überlieferung zufolge hat von allem Anfang an immer der Vater den Segen erteilt und hat im selben Zug den Sohn 'benannt'. [...] Die Frage, ist die Frage, die jeder Junge und Mann sich permanent stellt. Habe ich es drauf? Habe ich die Kraft? Bis ein Mann weiß, dass er einer ist, so lange wird er wieder und wieder versuchen zu beweisen, dass er einer ist. Zugleich wird er vor jeder Aufgabe zurückschrecken, die möglicherweise offenbaren könnte, dass ihm etwas fehlt. Viele Männer quälen sich ein Leben lang mit dieser Frage herum - oder sind innerlich verkrüppelt durch die Antworten, die man ihnen gegeben hat. (John Eldredge, Der ungezähmte Mann)


Die Antwort auf die Frage, was es bedeute ein Mann zu sein, die ich in meinem Innersten so tief verschlossen hatte, dass nicht einmal ich selbst davon wusste, lautete: Ein Mann braucht keine Gemeinschaft mit anderen. Ein Mann muss die Einsamkeit ertragen. 
   Ich verstand mich damals selbst nicht. Ich verstand nicht, warum ich immer so "komisch" war, warum ich ständig vor dem PC hockte, warum ich so elend war, warum der Liebeskummer so extrem war oder warum ich stundenlang Gitarre spielte und komponierte, warum ich eine 120 Seiten lange Geschichte schrieb, die keinen Sinn hatte, warum ich die untragbare Last auf mich nahm und mich immer mehr darauf fixierte, mir ohne Gott Erfüllung und Trost verschaffen zu wollen indem ich mich selbstbefriedigte und regelmäßig Pornographie sehen wollte, obwohl ich die Scham im Anschluss darauf so sehr hasste, warum ich Gott um Vergebung bat, aber völlig unfähig war, außer Scham und Angst etwas dabei zu empfinden, warum ich so stolz war, zu denken, ich könnte es alleine schaffen, obwohl es von Tag zu Tag schlimmer mit mir wurde. Offensichtlich kann kein Mensch mit solchen Überzeugungen leben, ohne sich selbst und andere zu zerstören. Eines wusste ich zu dieser Zeit nämlich noch nicht: Gnade ist nicht nur ein Wort.


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... Fortsetzung folgt

Louis C.K. Hates Cell Phones

Der amerikanische Komiker Louis C. K. spricht schonungslos aus, was er für wahr hält. Bei einem Auftritt in der Late-Night-Show von Conan O’Brien erklärte er, warum er seinen Kindern Smartphones verbietet: „Jeder Mensch hat diese Leere in sich, die für immer bleibt. Sie ist das Wissen, dass eigentlich alles umsonst ist und dass man für immer allein sein wird.“ Er sei einmal beim Autofahren von dieser großen Traurigkeit überfallen worden, erzählt Louis C. K. „Das ist der Grund, warum wir zum Handy greifen. Wir haben es verlernt, für ein paar Sekunden allein zu sein.“ In solchen Situationen nehme man intuitiv sein Smartphone in die Hand und schreibe mindestens 50 Leuten eine SMS. „Aber ich entschied mich: Tus nicht. Lass die Traurigkeit dich treffen wie ein LKW. Ich bin rechts rangefahren und hab geheult wie ein Schlosshund. Es war einfach nur schön. Es ist schön, dass wir traurig und einsam sein können.“ (zitiert aus PRO - Das christliche Medienmagazin, 2|2014, S. 7)



Und das ist der Part aus Jungleland, für diejenigen, die irritiert sind und sich Was zum? fragen:

Der König und sein Narr

Ein König gab seinem Hofnarren einst zum Scherz einen Narrenstab mit bunten Bändern und klingenden Schellen; den sollte er behalten, es sei denn, er fände einen größeren Narren als ihn selbst. Nach Jahr und Tag lag der König im Sterben. "Wohin gehst du?", fragte der Narr. "Weit von hier fort!" sagte der König. "Wann kommst du wieder?" fragte der Narr. "Nimmermehr!" "Was nimmst du mit?" "Nichts!" "Welche Vorbereitungen hast du für deine Reise getroffen?" "Keine!"
  Da legte der Narr seinen Narrenstab auf das Sterbebett des Königs und sagte: "Du gehst fort und kümmerst dich nicht darum was werden soll? Nimm den Stab, ich habe einen gefunden der törichter ist, als ich jemals im Leben war."

The hour I first believed (5) - Das Gleichnis

Zerbrochene Träume sind niemals Zufall. Sie sind immer Teil eines größeren Puzzles. Der Heilige Geist benutzt den Schmerz unerfüllter Wünsche, damit wir unser Verlagen nach Gott erkennen und anfangen, den höchsten Traum zu träumen.
- Lawrence J. Crabb

Das Leben des Mannes war angenehm. Auch seine Beziehung zu Gott. Beides gehört immer zusammen.
  Aber Gott war nicht zufrieden. Darum ließ er zu, dass das Leben des Mannes unangenehm wurde.
  Der Mann war schockiert. »Wie kann das sein? Wie kann mir so etwas passieren?«
  Hinter dem Schock verbarg sich seine Selbstgefälligkeit. Aber das konnte er nicht sehen. Er meinte, es sei Vertrauen. »Es wird vorbeigehen. Gott ist treu. Es wird schon wieder gut werden.« Sein Glaube blieb oberflächlich.
  Gott war nicht zufrieden. Deshalb ließ er zu, dass im Leben des Mannes noch mehr unangenehme und schmerzhafte Dinge passierten.
  Der Mann bemühte sich nach Kräften, mit seiner Enttäuschung so umzugehen wie einer, der Gott vertraut. »Ich will Geduld haben«, beschloss er.
  Doch er merkte nicht, dass sein Bemühen um Geduld von der Überzeugung getragen war, dass er ein Recht auf ein angenehmes Leben hatte. Er hörte nicht, wie sein Herz sagte: »Wenn ich Geduld habe, dann wird Gott wieder alles gutmachen. Das ist ja seine Aufgabe.«
  Seine Beziehung zu Gott war davon bestimmt, Gott zur Wiederherstellung seines angenehmen Lebens zu bewegen.
  Gott war nicht zufrieden. Deshalb zog er seinen schützenden Zaun um den Mann etwas weiter zurück. Das Leben des Mannes wurde jämmerlich.
  Der Mann wurde böse. Gott schien unberührt, gleichgültig, teilnahmslos. Die Tür des Himmels war scheinbar verschlossen. Der Mann wusste, dass er sie nicht öffnen konnte.
  Er konnte nur noch an bessere Tage denken - nicht an die, die kommen würden, sondern an die von früher; an Tage, die es nicht mehr gab und die womöglich nie wiederkehren würden.
  Sein größter Traum war, sie wiederzubekommen, das angenehme Leben zurückzuholen, das er einst gekannt hatte, als er etwas empfand, was er Freude genannt hatte.
  Er konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als zu dem zurückzukehren, was einmal war. Aber er wusste, dass das Leben sich nicht zurückspulen lässt. Erwachsene werden nicht wieder zu Kindern. Alte Menschen erlangen die Kraft ihrer produktivsten Jahre nie mehr zurück.
  Also verlor er die Hoffnung. Gott hatte seinen Segen zurückgezogen, und nichts sprach dafür, dass er es sich wieder anders überlegen würde.
  Der Mann wurde depressiv. Die Beziehung zu Gott kühlte merklich ab.
  Gott war nicht zufrieden. Deshalb ließ er die Mächte der Hölle in das Leben des Mannes einbrechen.
  Versuchungen, mit denen er früher noch umgehen konnte, wurden nun unwiderstehlich. Das Leben war so anstrengend geworden, dass das Vergnügen und die Erleichterung, die Anfechtung brachten, vernünftig und geradezu notwendig erschienen. Doch nach dem Vergnügen kam eine neue Art von Schmerz hinzu; ein Schmerz, der die Seele des Mannes in einer Art dichtem Nebel umgab, durch den kein Sonnenstrahl mehr dringen konnte.
  Der Mann sah nur noch seinen Schmerz. Gott konnte er nicht sehen. Er dachte es zwar, aber der Gott, den er sah, war einer, dessen Aufgabe es war, seinen Schmerz zu lindern. So einen Gott stellte er sich vor. Aber er konnte ihn nicht finden.
  Er wandte sich an den einzigen Gott, den er kannte. Er bettelte um Hilfe. Durch sein Flehen hindurch konnte er schon beinahe hören, was sein Herz sagte: »Du musst mir helfen. Ich glaube nicht, dass ich das alles verdient habe. Es ist nicht meine Schuld, sondern deine.«
  Seine Beziehung zu Gott war nie etwas anderes gewesen als eine Forderung. Aber inzwischen war das so offensichtlich, dass es er schon beinahe selbst erkannte.
  Gott war nicht zufrieden. Deshalb ließ er die Kämpfe weitergehen. Und er ließ neue Probleme in das Leben des Mannes treten.
  In dem Teil seines Herzens, in dem er seine größten Träume hegte, war der Mann ganz sicher gewesen, dass er so etwas wie dies hier nie würde durchmachen müssen. Über Jahre hinweg hatte er (ohne es je zu hören) zu sich selbst gesagt: »So etwas kann mir nie passieren. Und wenn, dann wäre alles aus. Wenn das passieren würde, dann wäre klar, dass Gott nicht gut ist. Ich müsste mich von ihm lossagen. Und niemand, nicht einmal Gott, könnte mir deswegen einen Vorwurf machen.«
  Aber er hörte sein Herz auch jetzt noch nicht. Was er hörte, war eine verführerische Stimme, die ihm die schlimmste Versuchung - nämlich jene, an Gott irre zu werden - als edel, tapfer, ja als den einzigen Ausweg erscheinen ließ.
  Der Kampf tobte. Aber da war noch ein Hoffnungsschimmer. Der Mann glaubte trotzdem weiter. Er hörte nicht, wie sein Herz dabei sagte: »Es wäre mein gutes Recht, nicht mehr zu glauben. Aber ich will tapfer sein. Ich glaube immer noch an dich. Ich glaube immer noch, dass du da bist und dass ich nur bei dir auf Freude hoffen kann - wenn überhaupt. Macht dir das Eindruck? Und wenn nicht, mein Gott, was dann?«
  Seine Gebete waren verzweifelter als je zuvor. Aber sie waren immer noch stolz.
  Gott war nicht zufrieden. Deshalb ließ er zu, dass die Anfechtungen weitergingen und der Schmerz nicht nachließ. Er hielt Distanz zu dem Mann. Er bot keinen Trost, keinen greifbaren Grund zur Hoffnung. Es fiel Gott schwer, im Leben des Mannes nicht alles zum Guten zu wenden. Noch schwerer fiel es ihm, dem Mann nicht direkt zu erscheinen und ihn seiner wahrhaftigen Gegenwart zu versichern.
  Aber er tat es nicht. Er hatte einen größeren Traum für ihn als die Rückkehr zu einem angenehmen Leben. Er wollte, dass der Mann wahre Freude fand. Er wollte in ihm die Hoffnung auf das wiederherstellen, was das Wichtigste ist. Aber der Mann wusste immer noch nicht, was das war.
  Der Nebel um seine Seele wurde so dick, dass er ihn förmlich spüren konnte. Es fühlte sich an wie Mauern, die sich um ihn schlossen. Es war alles ein Rätsel. Da war auch Angst, ja regelrechte Panik, aber noch klarer war das Gefühl, dass alles so rätselhaft war: Wie löste man das Rätsel von einem schlimmen Leben und einem guten Gott?
  Wo war Gott? Gerade als dem Mann so deutlich wurde wie nie zuvor, dass er ihn brauchte, war Gott verschwunden. Es war alles so sinnlos. War Gott nun da oder nicht? Wenn ja: Sah er, was los war? Oder nicht?
  Der Mann konnte nicht von Gott lassen. Er dachte an Jakob. Und er begann zu kämpfen. Aber er kämpfte im Dunkeln, und die Dunkelheit war so dicht, dass er seine Träume von einem angenehmen Leben nicht mehr sehen konnte.
  Im Dunkeln kann man nicht sehen. Aber man kann hören. Zum ersten Mal hörte er, was sein Herz sagte. »Segne mich! Nicht weil ich gut bin, sondern weil du gut bist. Segne mich! Nicht weil ich deinen Segen verdiene, sondern weil es in deinem Wesen liegt. Du kannst gar nicht anders. Ich berufe mich nicht auf das, was ich bin. Du schuldest mir nichts. Ich berufe mich nur auf dich.«
  Er sah noch immer den Schmerz. Aber jetzt sah er auch Gott. Und die Bitte um Segen war nicht mehr gleichbedeutend mit der Forderung nach einem angenehmen Leben. Sie war ein Schrei nach Gott, egal wer er war, egal was er wollte. Der Mann spürte etwas Neues. Es war der Beginn der Demut. Aber gerade darum konnte er es nicht genau erkennen.
  Der Mann hatte sich selbst vergessen und sein Verlangen nach Gott entdeckt. Er fand Gott nicht sofort, aber er hatte Hoffnung. Hoffnung darauf, dass er einmal erleben würde, wonach sich seine Seele zutiefst sehnte.
  Dann sah er es. In der Wüste seiner Seele war ein Brunnen, aus dem frisches Wasser hervorsprudelte. Es war ein neuer Traum. Und er erkannte, wie er Gestalt annahm. Es war der Traum, Gott zu kennen und ihn einer Welt zu zeigen, die alles andere als angenehm ist. Der Traum wurde noch konkreter. Er sah, wie er Gott in einer Weise erkennen und anderen vor Augen malen konnte, die ihm selbst entsprach und nicht einem anderen. Es war, als sei er nach Hause gekommen.
  Er erkannte sofort, dass die Fähigkeit, im Namen Gottes mit anderen zu reden - und zwar mitten in ihr unangenehmes Leben hinein -, ganz eng damit zusammenhing, dass er aus seinem eigenen unangenehmen Leben heraus sprach. Nie zuvor war er für seine Probleme dankbar gewesen.
  Sein Leid wurde für ihn der Zugang zum Herzen Gottes. Er hatte Anteil am Leiden Gottes bei seinem großen Versöhnungsprojekt. Das Leiden für eine gemeinsame Sache bewirkte, dass er sich Gott näher fühlte.
  Ihm kam ein neuer Gedanke. »Ich will mich mit denen zusammentun, die sich gegen die Wurzel des Übels wehren. Ich will mich auf die Seite des Guten gegen das Böse stellen. Ich will nicht warten, bis ich klarer sehe. Nein, was mir vor die Hände kommt, das will ich tun. Aber ich will nah bei der Quelle bleiben. Meine Seele ist durstig. Ein angenehmes Leben ist kein Wasser für meine Seele. Das einzig wahre Wasser kommt von Gott. Und das ist genug.«
  Der Mann betete Gott an, und Gott freute sich. Deshalb sorgte er dafür, dass die Quelle im Herzen des Mannes weitersprudelte. Wenn er nicht jeden Morgen von der Quelle trank oder am Abend zu ihr zurückkehrte, dann würde sein Durst schier unerträglich.
  Manches in seinem Leben wurde besser. Manches blieb unverändert. Anderes wurde schlimmer.
  Aber er träumte nun einen neuen Traum. Es ging um mehr als nur ein angenehmes Leben. Und er fand den Mut, diesem neuen Traum nachzuleben. Er hatte Hoffnung, und die Hoffnung brachte Freude.
  Gott freute sich. Und der Mann auch.

("Das Gleichnis", aus "Wenn Gott unsere Wünsche nicht erfüllt" von Lawrence J. Crabb)

Und Hiob antwortete dem HERRN und sagte: Ich habe erkannt, dass du alles vermagst und kein Plan für dich unausführbar ist. »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« So habe ich denn meine Meinung mitgeteilt und verstand doch nichts, Dinge, die zu wunderbar für mich sind und die ich nicht kannte.
- Hiob 42, 1-3

Gott ist furchtbar

Das kann man leicht falsch verstehen, weil wir mit "furchtbar" nur Dinge bezeichnen, die schlecht gemacht sind oder tragisch oder grässlich aussehen oder völlig durcheinander und unordentlich sind. Im biblischen Sprachgebrauch kann diese Bezeichnung etwas völlig anderes bedeuten. 
Angefangen hat alles, als ich mir zum Thema Ehrfurcht Gedanken machte und beim Lesen von 2. Mose 19 und 20 auf eine auf den ersten Blick widersprüchliche Textstelle gestoßen bin:

„Und es geschah am dritten Tag, als es Morgen wurde, da brachen Donner und Blitze los, und eine schwere Wolke lagerte auf dem Berg, und ein sehr starker Hörnerschall ertönte, so dass das ganze Volk, das im Lager war, bebte. Mose aber führte das Volk aus dem Lager hinaus, Gott entgegen, und sie stellten sich am Fuß des Berges auf. Und der ganze Berg Sinai rauchte, weil der HERR im Feuer auf ihn herabkam. Und sein Rauch stieg auf wie der Rauch eines Schmelzofens, und der ganze Berg erbebte heftig.“ 2.Mose 19,16-18
 
„Und das ganze Volk nahm den Donner wahr, die Flammen, den Hörnerschall und den rauchenden Berg. Als nun das Volk das wahrnahm, zitterten sie, blieben von ferne stehen und sagten zu Mose: Rede du mit uns, dann wollen wir hören! Aber Gott soll nicht mit uns reden, damit wir nicht sterben. Da sagte Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht! Denn nur um euch zu prüfen, ist Gott gekommen, und damit die Furcht vor ihm euch vor Augen sei, damit ihr nicht sündigt.“ 2.Mose 20,18-20

Folgendes ist festzuhalten: Als Gott auf den Berg Sinai herabkam, war sein Erscheinen so gewaltig, dass die Israeliten fürchteten, zu sterben. Mose versucht sie mit der berühmten Phrase „Fürchtet euch nicht!“ zu beruhigen. Aber schon im nächsten Satz sagt er, dass Gott gekommen ist, damit die Furcht vor Gott den Israeliten „vor Augen sei“, damit sie nicht sündigen. Sollen sie sich jetzt fürchten oder nicht? Man könnte meinen, dass das ein Widerspruch ist.

Aus einigen Stellen (1.Mose 43,23; Richter 4,18; Rut 3,11; 1.Samuel 4,20; Jeremia 40,9) kann man erkennen, dass sich die Aufforderung „Fürchte dich nicht“ immer gegen die menschliche Angst richtet; das kann Angst vor Gefangennahme, Strafe, Tod, Verfolgung, etc. sein. Im Fall von 2. Mose fürchteten die Israeliten zu sterben und Mose erklärt ihnen, dass Gott nicht gekommen ist, ihnen etwas anzutun, sondern um sie zu prüfen.

Was aber bedeutet die Furcht vor Gott vor Augen zu haben? Was bedeutet es Gott zu fürchten und wozu ist es gut, Ihn zu fürchten? Ich will das anhand einiger Bibelstellen verdeutlichen:

„Da erwachte Jakob aus seinem Schlaf und sagte: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich habe es nicht erkannt! Und er fürchtete sich und sagte: Wie furchtbar ist diese Stätte! Dies ist nichts anderes als das Haus Gottes und dies die Pforte des Himmels.“ 1.Mose 28,17

„Da erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus dem Dornbusch. Und er sah hin, und siehe, der Dornbusch brannte im Feuer, und der Dornbusch wurde nicht verzehrt. Und Mose sagte sich: Ich will doch hinzutreten und diese große Erscheinung sehen, warum der Dornbusch nicht verbrennt. Als aber der HERR sah, dass er herzutrat, um zu sehen, da rief ihm Gott mitten aus dem Dornbusch zu und sprach: Mose! Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Tritt nicht näher heran! Zieh deine Sandalen von deinen Füßen, denn die Stätte, auf der du stehst, ist heiliger Boden! Dann sprach er: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.“ 2.Mose 3,2-6

Hier wird nichts davon erwähnt, dass Jakob oder Mose bei ihrer Begegnung mit Gott Furcht vor Tod oder etwas anderem hatten. Es heißt hier, dass Jakob sich vor der Stätte, in der sich Gott aufgehalten hatte, fürchtete und dass sich Mose fürchtete, Gott anzuschauen. Ich denke, dass es die Gewalt Gottes war, sein Wesen und seine Heiligkeit, seine Herrlichkeit, seine Güte, die sie vor Gott erschaudern ließen. „Wie furchtbar ist diese Stätte! Dies ist nichts anderes als das Haus Gottes und dies die Pforte des Himmels.“ Dieser Gedanke wird vor allem in den Psalmen oft aufgegriffen, in denen Gott und seine Werke oft als furchtbar bezeichnet werden:

„Glücklich, den du erwählst und nahen lässt, dass er wohne in deinen Vorhöfen! Wir werden gesättigt werden mit dem Gut deines Hauses, dem Heiligen deines Tempels. Du wirst uns furchtbare Dinge in Gerechtigkeit antworten, Gott unseres Heils, du Zuversicht aller Enden der Erde und des fernen Meeres, der die Berge festigt durch seine Kraft, umgürtet ist mit Macht, der das Brausen der Meere besänftigt, das Brausen ihrer Wellen und das Getümmel der Völker.“ Psalm 65,5-8

„Besingt die Herrlichkeit seines Namens, macht herrlich sein Lob! Sprecht zu Gott: Wie furchtbar sind deine Werke! Wegen der Größe deiner Macht werden dir deine Feinde Ergebung heucheln. Die ganze Erde wird dich anbeten und dir Psalmen singen; sie wird deinen Namen besingen. Kommt und seht die Großtaten Gottes! Furchtbar ist sein Tun gegenüber den Menschenkindern.“ Psalm 66,2-5

„Du, du bist furchtbar, und wer kann vor dir bestehen, sobald du zürnst! Du ließest Gericht hören vom Himmel her. Die Erde fürchtete sich und wurde stille, als Gott aufstand zum Gericht, um zu retten alle Demütigen auf Erden. Denn selbst der Grimm des Menschen wird dich preisen; auch noch mit dem Rest des Grimmes wirst du dich gürten. Sprecht Gelübde und erfüllt sie dem HERRN, eurem Gott, alle, die ihr rings um ihn her seid. Bringt Geschenke dem Furchtbaren! Er demütigt den Geist der Fürsten, er ist furchtbar den Königen der Erde.“ Psalm 76,8-13

„Denn wer in den Wolken ist mit dem HERRN zu vergleichen? Wer ist dem HERRN gleich unter den Göttersöhnen? Gott ist gefürchtet im Kreis der Heiligen, groß ist er und furchtbar über alle, die rings um ihn her sind.“ Psalm 89,7.8

Die Furcht vor Gott vor Augen zu haben, hat nichts mit Angst zu tun. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat es mit Strafe zu tun. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe.“ 1.Johannes 4,18

Furcht vor Gott zu haben, bedeutet, angesichts seiner Macht, Gegenwart und Offenbarung zu erschaudern, es bedeutet, von seinen Werken in der Schöpfung überwältigt zu sein. Wer Gottes Herrlichkeit erkannt hat, hat einen guten Grund gefunden, nicht mehr zu sündigen. Er wird anfangen, ein Leben zu leben, dass Ihm gefällt. Er wird Gott anbeten.

„Fürchtet euch nicht! Denn nur um euch zu prüfen, ist Gott gekommen, und damit die Furcht vor ihm euch vor Augen sei, damit ihr nicht sündigt.“

The hour I first believed (4) - Perseverance




Dieses Bild zeichnete ich Anfang des Jahres 2012 und trägt den Titel "Missverstandenes Leben". Aus dem zerbrochenen Schädel eines Totenkopfes steigt Dunst auf, der die Rückseite einer Frau bildet. Der Dunst deutet an, dass es sich um die Träume des Mannes handelt, die aus seinem Schädel aufsteigen. Der Mann glaubt, durch die Liebesbeziehung zu einer Frau lebendig werden zu können, merkt aber nicht, dass er schon längst einem Totenkopf gleicht, dessen Schädel zertrümmert ist. Er glaubt, dass sie ihm Leben geben kann. Die Frau aber hat gar nicht die Macht, ihn von den Toten zurückzuholen; der Tod des Mannes hat schon seine Substanz erreicht und übrig bleibt nur sein knochiges Gerüst. Der Mann hat kein Gesicht mehr. Wer aber gibt ihm ein neues Gesicht?


Perseverance

"Therefore, since we are surrounded by such a great cloud of witnesses, let us throw off everything that hinders and the sin that so easily entangles. And let us run with perseverance the race marked out for us,
 fixing our eyes on Jesus, the pioneer and perfecter of faith."

Na, toll. Jetzt hatte ich mich auch noch verliebt. Ich erinnere mich noch sehr präzise daran, was in einem vorgeht, der in der Erwartung lebt, dass eine Frau ihn anspricht und auf wundersame Weise zu erleben, wie man aus seiner Sehnsucht geholt wird und wie die Phantasie einem Streiche spielt und man sich vorstellt, wie es wohl wäre, "gerettet" zu werden und welche romantischen Szenarien man sich ausdenkt, die unmöglichsten Seifenopern-Szenarien und wie banal das alles ist. Damals schrieb ich darüber einen Aphorismus: Es ist doch schön zu wissen, dass einem auf dem Weg, den man geht, niemand entgegen kommt, anstatt im Dunst seiner vergeblichen Hoffnung ständig auf die Erfüllung seiner Sehnsucht zu schielen (und eventuell mit dem Kopf gegen eine Straßenlaterne zu laufen). Später sollte ich diesen Satz noch sehr lustig finden. Aber jetzt mal im Ernst: Wozu ist es gut, sich zu verlieben, wenn man bedenkt, dass ein Mann, dessen Selbstbild nach all dem Hass und der Kränkung noch gebrochen war, unmöglich eine gute Beziehung führen kann? Wenn man bedenkt, dass mich, nachdem sich jemand im Zorn über mich ärgert, für ein bis zwei Tage furchtbare Selbstzweifel quälen? Wenn man bedenkt, dass mich die Befürchtung verfolgte, etwas zu verpassen, wenn ich mich dazu entscheiden sollte, alleine zu bleiben? Usw. Usf.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, finde ich das alles irgendwie amüsant, aber zum damaligen Zeitpunkt war ich nicht gerade belustigt, als ich vor knapp zwei Monaten in der Badewanne saß, das Wasser der laufenden Dusche prasselte auf meinen Kopf und ich betete:
Alle starken Gefühle schmerzen auf Dauer und brennen bald wie eine offene Wunde. Also sag mir, wie ich damit umgehen kann. Das Gebet eines Gerechten vermag viel. Durch Glaube sind wir für gerecht erklärt worden. Ich glaube. Ich mache Gebrauch von meiner Stellung als vor Dir Gerechter und bete: Antworte mir noch heute. Noch morgen. Und wenn nicht morgen: ich vertraue Dir den Zeitpunkt an, denn Du antwortest, wenn es Dir gefällt.

Als ich dann ins Wohnzimmer kam, schien die Sonne ganz schwach durchs Fenster. Sie schien an diesem Tag nur dieses eine Mal, um ein mattes Orange auf den Teppich zu werfen und danach gleich wieder zu verschwinden. In diesem Moment schoss mir ein Gedanke durch den Kopf und ich wusste: Gott ist mit mir und darüber hinaus will Er mich segnen. Er will mich verwenden. 

Zwölf Tage darauf bekam ich meine Antwort, als ich die Frau, in die ich verliebt war, nach langer Zeit wieder getroffen hatte. Ehrlich gesagt: die Begegnung war unerträglich. Anstatt danach nach Hause zu fahren, raste ich um ca. 22.00 Uhr in der Nacht mit dem Rad Richtung Kellergasse bis zur Grenze von Wien. Ich hatte nicht wirklich den Willen, das Rad in die eine oder die andere Richtung zu lenken. Einfach nur g'radeaus fahren. Ich hatte noch nie so tiefe Zerrissenheit erlebt. Ich weiß, was es bedeutet, wenn dein Wille gebrochen wird. Ich war innerlich zerfetzt. Aber diese Zerrissenheit erinnerte mich an den Weg ans Kreuz, den Christus gegangen war. Er schwitzte Blut am Berg Gethsemane, aus Todesangst. Er war innerlich zerrissen und betete:
Und er zog sich ungefähr einen Steinwurf weit von ihnen zurück und kniete nieder, betete und sprach: Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir weg - doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe! Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel, der ihn stärkte. Und als er in Angst war, betete er heftiger. Es wurde aber sein Schweiß wie große Blutstropfen, die auf die Erde herabfielen. - Lukas 22, 41-44
Wie konnte er das alles aushalten: die Todesangst, die innerliche Zerrissenheit? Er fleht doch: "Wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir weg!" Schreit er nicht zu Gott? Hebräer 5, 7 verdeutlicht, was in Jesus vorgegangen sein muss, zu diesem Zeitpunkt:
Als Christus hier auf der Erde war – ein Mensch von Fleisch und Blut –, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen gebetet und zu dem gefleht, der ihn aus der Gewalt des Todes befreien konnte, und weil er sich seinem Willen in Ehrfurcht unterstellte, wurde sein Gebet erhört.
Aber wie konnte er sich in diesem extremen Moment dem Willen Gottes unterordnen? Warum hatte er sich dazu entschlossen, das alles zu erdulden und auszuhalten? Und wie konnte ich mich dazu entschließen, mich in diesem Moment Gottes Willen unterzuordnen?

Deshalb lasst nun auch uns, da wir eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, jede Bürde und die uns so leicht umstrickende Sünde ablegen und mit Ausdauer laufen den vor uns liegenden Wettlauf, indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. - Hebräer 12, 1.2
Lasst es mich noch einmal schreiben: "...der um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete..." Im Hinblick auf diese überwältigende Freude konnte er am Kreuz sterben. Und diese Freude besteht bis heute und in Ewigkeit darin, dass
  1. Er sich zu Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat.
  2. Er die, die an ihn glauben, für immer vollkommen gemacht hat. Genauer gesagt: "Denn mit einem Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer vollkommen gemacht" - Hebräer 10, 14. Was die Strafe für Sünde angeht, sind diejenigen, die den Heiligen Geist haben und durch ihn geheiligt werden, vor Gott vollkommen.
  3. Er dadurch in Ewigkeit Gemeinschaft haben wird, mit denjenigen, die ihn lieben!
Um es noch einmal festzuhalten: diese Freude muss überwältigend sein, wenn man daran denkt, was Christus überwältigt hat, was Er überstanden und durchgemacht hat. Sie muss größer sein, als all das, was Er erlitten hat, größer als die tiefste Zerrissenheit. Und obwohl diese Freude zum Zeitpunkt seiner Kreuzigung noch nicht sichtbar war, so denke ich, war sie dennoch Grund genug, um am Kreuz auszuharren:
Denn ich denke, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. 
Denn auf Hoffnung hin sind wir gerettet worden. Eine Hoffnung aber, die gesehen wird, ist keine Hoffnung. Denn wer hofft, was er sieht? Wenn wir aber das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir mit Ausharren. 
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind.                      - Römer 8, 18.24.25.28
Und so gibt uns sein Tod einen Anlass, Ihm nachzufolgen, weil auch vor uns überwältigende Freude liegtUnd diese Freude macht sich jetzt schon bemerkbar, denn an die Stelle meines unruhigen Herzens tritt immer mehr die Zufriedenheit und ein festes Ausharren und Vertrauen. Als ich meinen Blick von dem abwandte, was ich nicht hatte, und dem zuwandte, was Gott demjenigen verspricht, der Ihm alles anvertraut, wurde mein Herz von Frieden überrascht. 
Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben. - Jakobus 1, 12

Christus nachzufolgen kostet eine Menge. Es kostet meistens unsere Träume. Und obwohl doch die meisten unserer Träume mit dem flüsternden Geräusch tausend kleiner Schaumblasen zerplatzen, tut es weh, Träume hinter sich zu lassen. Im Rückblick aber muss ich sagen: es war eine gute Zerstörung - die Zerstörung meiner Träume - eine, die ich fröhlich willkommen hieß, weil sie mir die Wahrheit über mein Herz gezeigt hat! Gott wollte mir vor Augen führen, was ich für ein Mann bin: ein Mann mit gebrochenem Herzen. Als ich aber verstand, wie viel mehr ich dadurch gewonnen hatte, ein Leben in Hingabe an Christus zu leben, da erschien mir die Möglichkeit, für Christus alles aufzugeben, als ein Gnadengeschenk und kostbarer als je zuvor. Denn Hingabe an Christus bewirkt eine Erneuerung des Herzens:
Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. - 2. Korinther 5, 17
Um eine neue Identität annehmen zu können, müssen falsche Vorstellungen zerstört werden. Doch mit dieser neuen Identität kommt die Gewissheit, dass ich zu guten Werken geschaffen bin, die Gott schon vorbereitet hat und dass es Gottes Wille ist, der sich erfüllt, dass der Weg, den Gott für jeden von uns vorgesehen hat, ein vortrefflicher Weg ist, auf dem man zuversichtlich und sicher reisen kann.
Denn wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen. - Epheser 2, 10
Jetzt sehe ich sozusagen einen neuen Morgen vor mir, an dem ich sagen werde: "Gott ist mein Heiler! Er hat mich gesund und fröhlich gemacht. Sein Name ist mächtig und Ihm gebührt alle Anbetung, alle Ehrfurcht, alle Hingabe, alle Leidenschaft, alles Lob, alle Herrlichkeit, aller Reichtum!"
Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, er verbindet ihre Wunden. - Psalm 147, 3
Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der in Ewigkeit wohnt und dessen Name der Heilige ist: In der Höhe und im Heiligen wohne ich und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerschlagenen. - Jesaja 57, 15
Dieser fast epische Vers aus Jesaja zeigte mir auch, worum ich mich wirklich kümmern sollte: die Beziehung zu meinen Eltern. Ich will ihnen die Liebe und Zuneigung entgegenbringen, die sie mir damals nicht entgegenbringen konnten, damit sie erkennen, dass Gott immer einen Weg findet, seinen Kindern zu zeigen, dass sie geliebt sind, auch wenn die Eltern dieser Kinder Fehler machen.


Seit zwei Jahren bete ich jetzt schon, dass ich Gottes Liebe zu mir und das wahre Wesen der Liebe besser verstehen lerne und es sind eine Menge anderer Gebetserhörungen, von denen ich noch erzählen könnte. Vorerst beschränke ich mich auf diesen Lebensabschnitt, als ich Gottes Treue zum ersten Mal in meinem Leben wirklich erlebt hatte, indem er mir Ehrfurcht lehrte und mir zeigte: wer mir ganz vertraut, wird von Freude überrascht werden!


Twas grace that taught my heart to fear,
And grace my fears relieved.
How precious did that grace appear
The hour I first believed
- Amazing Grace, 2. Strophe